2001

One Address

Text aus dem Bieler Tagblatt: In der Bieler Ideenfabrik BrainStore läuft ein Pilotprojekt: Geprüft wird, ob die E-Mail-Adresse die konventionelle Postadresse ersetzen könnte. Ein rosa Testbriefkasten wurde montiert.

Hat die einzeilige Postadresse Chancen?

Pilotprojekt: BrainStore AG, Biel

In der Bieler Ideenfabrik BrainStore läuft ein Pilotprojekt: Geprüft wird, ob die E-Mail-Adresse die konventionelle Postadresse ersetzen könnte. Ein rosa Testbriefkasten wurde montiert.

Hedwig Schaffer

Es gibt was Neues unter der Sonne: den auf dem Postweg zugestellten Brief mit E-Mail-Adresse. Wer die Probe aufs Exempel machen will, schreibt eine bestehende E-Mail-Adresse auf einen frankierten Briefumschlag (sowie auf dessen Rückseite die eigene E-Mail-Adresse als Absender) und wirft den Brief an der Rüschlistrasse 31 in den dort montierten, pinkfarbenen Testbriefkasten. Mitarbeiter von BrainStore agieren (voraussichtlich noch bis Ende Mai, vielleicht auch länger) als «Poststelle». Sie teilen dem Adressaten per E-Mail mit, dass für ihn ein Brief eingetroffen ist und bitten diesen, der «Poststelle» seine Wohnadresse zu mailen. Ist das getan, adressieren die «BrainStore-Pösteler» den Brief maschinell, übergeben ihn einer richtigen Poststelle und speichern die Zustelladresse auf ihrer Homepage. Dies, damit alle späteren Adressierungen vollautomatisch erfolgen können.

Im April gestartet

Das tönt jetzt vielleicht ein bisschen kompliziert. Doch Markus Mettler, Geschäftsleiter der BrainStore AG ist überzeugt, dass die neuartige Adressierung von Briefen und Paketen den Postkunden wie der Post selbst Vorteile bringen wird, sollte die Idee Furore machen. Vorausgesetzt natürlich, die Postverantwortlichen und ein grosser Teil der Bevölkerung sind motiviert genug, um die Idee zügig in die Praxis umzusetzen. «Die Idee mit der E-Mail-Adresse tauchte bei uns immer wieder in Zusammenhang mit unterschiedlichsten Projekten auf», erklärt Mettler: «Und wenn sich etwas ständig wiederholt, werden wir hellhörig. Denn dann muss etwas dahinter stecken, dem man nachgehen soll.» Deshalb wurde am 23. April 2001 ein entsprechendes Pilotprojekt gestartet.

Der Versuch ist gut angelaufen: Täglich liegen drei bis zehn Briefe im rosaroten Briefkasten - dem weltweit einzigen dieser Art. BrainStore musste dafür nicht einmal gross Werbung machen: Laut Mettler genügte ein «dürres Pressecommuniqué», wie er sagt, und die Flüsterpropaganda begann zu spielen. Vor allem bei jüngeren Leuten habe sich dieser Testlauf herumgesprochen: Den Jungen käme die neue Adressiermöglichkeit entgegen, hätten sie doch zwischen 50 und 100 E-Mail-Adressen im Kopf. Aber auch Alte könnten davon profitieren: Der 80-jährige Abraham könnte sich zum Beispiel - ohne einen Computer zu besitzen und ohne selber an das Internet angeschlossen zu sein - die E-Mail-Adresse opa@altersheim.com zulegen, und seine Post würde ihm direkt an seine Privatadresse im «Sunnemätteli» weitergeleitet.

Konferenz in Interlaken

«Selbstverständlich haben wir nicht vor, als Postamt zu funktionieren», räumt der Geschäftsführer allfällige Missverständnisse aus dem Weg: Wir werden jedoch versuchen, Postverantwortliche für die Idee zu begeistern: Das bisher von dieser Seite erhaltene Feedback ist auf jeden Fall positiv.» Noch ist die neue Idee nicht in allen Details ausgereift. Deshalb führt BrainStore am kommenden 30. und 31. Mai in Interlaken eine multinationale Konferenz durch. Dort sollen die unterschiedlichsten Konsequenzen der E-Mail-Adressierung besprochen werden. Dies gemeinsam mit Postdienstleitern, Hard- und Softwareexperten, Logistikern, Kommunikationsfachleuten und E-Commerce-Anbietern sowie mit Vertretern aus dem Handel. Gleichzeitig soll die Implementierung vorbereitet werden.

In Interlaken werden sich Profis und Jugendliche an den gleichen Tisch setzen: Workshops werden durchgeführt. Man werde sich zu den Konsequenzen auf die Logistik, die Software und die Philatelie Gedanken machen und die in Frage kommenden Technologien evaluieren, sagt Markus Mettler. Und sobald der Pilotversuch abgelaufen sei, werde BrainStore Bilanz ziehen. Seine Firma habe ein vitales Interesse daran, dass die Idee verwirklicht werde. BrainStore wie er selbst als Privatmann würden so rasch als möglich auf E-Mail Adressierung umstellen.

Zahlreiche Vorteile

Das futuristische System hat erhebliche Vorteile: Jede mitmachende Person verfügt über eine eindeutige und einprägsame Anschrift. Briefe und Pakete sind schnell beschriftet. Der Benutzer kann seine Adresse jederzeit persönlich in der dafür zu schaffenden Datenbank passwortgeschützt ändern: Jede Adressänderung wird sofort wirksam. Weil die Strasse und der Wohnort nicht bekannt gegeben werden, resultiert eine effizientere Datensicherheit. Und schliesslich kann im Internet mühelos eingekauft werden: Es genügt die Angabe der eMail-Adresse.